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Hausarzt-Initiative, Gegenvorschlag und sonst noch…

April 12th, 2011 | By ATK in allgemein, Gesundheitswesen | 1 Kommentar »

Der Bundesrat hat wieder zugeschlagen.

Um der Hausarzt-Initiative, die den Damen und Herren viel zu weit geht, den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat man sich ein wortreiches Konstrukt zurecht gebastelt, das die aktuellen Schlagworte ins rechte Licht zu rücken versucht. Die Schlagworte sind insbesondere managed care. Da das so ein bisschen argwöhnisch macht, da „Manager“ nicht mehr über alle Zweifel erhaben sind, nennt man das dann lieber „integrierte Netzwerke“, was dann so was ähnliches wie ein weisser Schimmel ist, denn es impliziert automatisch, dass es desintegrierte Netzwerke gibt (was immer das sein soll. Vielleicht gehen die Politiker davon aus, dass die aktuellen Netzwerke desintegriert sind. – Wenn überhaupt, so kann man dies allerdings am ehesten von den politischen Verflechtungen behaupten).

Wer die Gesundheispolitik über die Landesgrenzen hinaus verfolgt (was ausser der SVP eigentlich alle tun sollten), der kann z.B. in Erfahrung bringen, dass es managed care Modelle in Amerika schon lange gibt. In Amerika wurden übrigens auch die HMO erfunden, die es in der Schweiz nun auch schon 15 Jahre gibt, und die immer noch kein Geld sparen. O.K., diejenigen, die eben den Verlauf in der USA wirklich studiert haben, sahen das kommen, aber wir Schweizer übernehmen ja immer alles aus Amerika, meistens dann, wenn die Amerikaner bereits wieder davon abgerückt sind, da es sich doch nicht bewährt hat.

Der Gegenvorschlag des Bundesrates ist also zur Hauptsache eine in schöne Worte verpackte Verschleierung der Wahrheit:
Tatsache ist nämlich schon lange: Die billigste Medizin machen die Hausärzte, egal ob in Einzel- oder Gruppenpraxis. Sie versorgen bereits bisher 80% der Bevölkerung mit 20% der Gesamtkosten des Gesundheitswesens.
Da kann Bundesrat Burkhalter noch lange palavern, die Aerzte müssten ihre Einzelpraxen aufgeben und besser zusammenarbeiten. Was tut denn der Einzelkämpfer in Schönenbuch? Der bisher mit allen in der Umgebung die beste Zusammenarbeit gepflegt hat, Physiotherapie, Förderunterunterricht, Alternativmethoden, Zuweisungen zu Spezialärzten und Spitälern, wenn notwendig: War doch schon alles ein perfekt funktionierendes Netzwerk!
Die heisse Luft, die da verbreitet wird, bedeutet, wenn man sie umsetzt: Es gibt in der Peripherie gar keine Hausärzte mehr, das nächste Zentrum liegt dann in Allschwil, dort arbeiten 10 Hausärzte, alle Teilzeit, 20 Pflegepersonen (MPA, Pflegefachfrauen, Spitexkräfte etc.), auch Teilzeit, logischerweise, drei Hebammen, fünf PhysiotherapeutInnen, eine Laborantin (auch Teilzeit, aber das muss genügen, der Rest ist ohnehin aus Kostengründen schon lange in Basel zentralisiert) und vor allem: Ein Qualitätsbeauftragter (Vollzeit), ein CEO (Vollzeit) für den Laden (dessen Zapfen selbstverständlich höher liegt als derjenige des Leitenden Arztes des Betriebes, denn der CEO hat ja die Gesamtverantwortung, vor allem für’s Budget, und das ist ja heute viel wichtiger als die Verantwortung für das Wohlergehen der Patienten, wie wir von allen Gesundheitsökonomen täglich erfahren), eine Sekretärin für den Betrieb, drei Sekretärinnen für die Verwaltung, ein Buchhalter, ein Treuhänder (Teilzeit), ein Beauftragter zur Einhaltung der Leistungsvorgaben (Neudeutsch: DRG-Controller). Und das alles kostet dann weniger Geld, als die paar in der Peripherie verteilten Praxen, bei denen 100% der oben beschriebenen Tätigkeiten von 2 Arztgehilfinnen (MPA) und einem Hausarzt erledigt wurden? Von wegen!! Und nachts ab 22 Uhr ist ohnehin niemand erreichbar und man muss bis Basel in eine Permanence oder so.

Die aktuelle Gesundheitspolitik ist pure Augenwischerei. Die Wahrheit lässt sich halt schlecht verkaufen: Das Gesundheitswesen ist zu teuer. Wenn man will, dass es billiger wird, muss man es schlechter machen. Das steht eigentlich im Gegenvorschlag.
Um das zu verhindern, haben die Hausärzte die Hausarzt-Initiative lanciert. Denken Sie also daran, wenn es dann um die Abstimmung geht.

Höhepunkt der aktuellen Gesundheitspolitik ist aber die Ueberarbeitung des Heilmittelgesetzes.
Damit Sie verstehen, was da eigentlich abgeht, werde ich Ihnen die Ueberlegungen des Parlamentes kurz zusammenfassen:
Erstens: Egal, was die Aerzte tun, sie verdienen immer noch Geld dabei. Dies muss unterbunden werden, denn sie könnten sich fälschlich bereichern. Dieses urkommunistische Gedankengut führte in Russland seinerzeit dazu, dass ein Strassenwischer deutlich mehr verdiente als ein Arzt. Er hat aber deshalb nicht besser gewischt. Die ärztliche Versorgung war aber schlecht, denn auch ÄrztInnen sind Menschen. Miese Bezahlung = miese Leistung. Nonnen und Mönche sind beinahe ausgestorben.
Zweitens: Aus diesem Grunde ist nach wie vor eine Möglichkeit zu suchen, dass Aerzte am Medikamentenverkauf nichts mehr verdienen dürfen. Apotheker dürfen schon noch, aber diese sind bekanntlich über jeden Zweifel erhaben und wollen sich keinesfalls bereichern. Im Gegenteil, man sieht den heruntergewirtschafteten Apotheken in unserem Land ja an, wie schlecht es ihnen geht. Die ApothekerInnen haben ja auch kaum mehr Angestellte und müssen immer alles selber machen, ganz im Gegensatz zu diesen schrecklichen Hausärzten und auch vielen Spezialisten, die sich mit einer Unzahl von unnötigen MitarbeiterInnen umgeben.
Drittens: In der Schweiz gibt es über 30’000 registrierte Medizinprodukte und Pharmaka. Etwa die Hälfte davon wird von den Krankenkassen bezahlt. Es gibt aber Studien und sogar Bücher, welche zeigen, dass eigentlich etwa 100 Produkte für das Allernotwendigste und eine gute Notfallmedizin völlig ausreichen. Ziel ist, in 20 Jahren nur noch diese zu vergüten, den Rest, falls man sich diesen Luxus leisten will, muss man dann halt auch selber berappen (also z.B. für das Fachgebiet der Augenheilkunde heisst das: Wahrscheinlich wird überhaupt kein einziges Produkt mehr übernommen, denn zum Ueberleben braucht man keines, und wegen ein bisschen Augenweh oder ein bisschen hohem Augendruck ist noch keiner gestorben).

Der unterschwellige, absolut hanebüchende Vorwurf, Aerzte würden Medikamente nur abgeben, um damit Geld zu verdienen (dahinter steht ja die verdeckte Unterstellung, Aerzte würden Therapien verschreiben, die gar nicht notwendig sind, eine derart schlimme, einem Mobbing entsprechende Grundhaltung, welche den Berufsstand des Arztes missachtet, zeigt, dass diejenigen, die das behaupten, von der ärztlichen Tätigkeiten überhaupt nichts verstanden haben und selber in keiner Art und Weise gewohnt sind, für das, was sie tun, Verantwortung zu übernehmen, was am Ende nicht nur die Aerzte, sondern sie selber eben auch in Misskredit bringt), ist eine Unterstellung, welche gemäss Mobbing-Gesetzgebung eigentlich eine strafbare Handlung darstellt. Bloss, wenn Politiker das mehr oder weniger verblümt äussern, dann ist es gestattet (oder wie?).

Die kontinuierlie Demontage des Gesundheitswesens wird noch eine Weile dauern, wohingegen das Image des Arztes dank konsequenter politischer und medialer Tätigkeit in den letzten 25 Jahren bereits perfekt ruiniert wurde. „Die Aerzte“ zocken ab, stellen falsche Diagnosen, verordnen falsche Therapien, geben zu viele Medikamente ab und verdienen mit all diesen verlogenen Tätigkeiten eine Unmenge Geld. Tatsache ist, dass jeder Krankenkassenverwalter inzwischen deutlich mehr verdient, mehr Ferien hat und für mehr Geld deutlich weniger arbeitet (und schon gar nicht die gleiche Verantwortung hat) als sogar so mancher Super-Spezialist, der mit seiner Chirurgie angeblich so viel verdient.
Wenn die Aerzte denn wirklich so miserabel wären, wie sie immer gemacht werden, warum gehen z.B. Sie überhaupt noch zu einem? – Aber wir werden die Zeiten noch sehnlich herbei wünschen, wo es noch genügend und vor allem auch gute und gut ausgebildete Aerzte gegeben hat. Bald werden wir ein tolles „managed care“-System haben, in dem ganz viele Leute ganz viel Senf zu all unseren Bresteli und Problemli geben werden, wo wir weite Strecken zurücklegen und viel Zeit verplempern werden für keine Lösung unserer Beschwerden.