Heute folgt nun die ganze Wahrheit über die Aerzte mit Patientenapotheke bzw. über die diffamierte Selbstdispensation, die man deshalb umgetauft hat in ärztliche Medikamentenabgabe. Ich schwöre: die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Amen.
Beachten Sie dazu auch frühere Beiträge, z.B. vom 9.9.2009 inklusive Kommentare.
Die ärztliche Medikamentenabgabe ist durch verschiedene Ereignisse und Tatsachen in Verruf geraten.
Historisch gesehen ist es so, dass die Abgabe von Medikamenten durch Aerzte in vielen Ländern in ländlichen Regionen sich durchgesetzt hat, in industrialisierten Ländern mit hoher Bebauungsdichte aber durch verschiedene, teils universitäre, teils politische Massnahmen zunehmend in die Hände der Pharmazeuten übergeben wurde. Länder wie Frankreich oder England haben eine höhere Apotheken als Aerztedichte. Dort ist auch logisch, dass die Abgabe von Medikamenten durch Aerzte nichts bringt, weil die Apotheke eh näher liegt.
Von der universitären Ausbildung her muss man wissen, dass Pharmaceuten sehr viel lernen über die Grundlagen der verschiedenen Therapeutice, sehr viel von Biochemie verstehen müssen und vor allem die Herstellungsprozesse mit allen Reinheitsgeboten bis ins letzte Detail kennen müssen. Von Krankheiten und insbesondere deren Diagnostik lernen sie NICHTS. Apotheker kennen also schon die Zusammenhänge von Krankheiten und deren Behandlungen, sie lernen aber nichts über die grundlegende Diagnostik.
Anders bei den Medizinern. Diese lernen zwar nichts über die Herstellungsprozesse von Pharmaceutica, haben aber ein Jahr lang Chemie, ein Jahr lang Biochemie und ein Jahr lang Pharmakologie als Grundlagenfach, um die grossen Zusammenhänge zu lernen. Was die Therapie angeht, lernen Aerzte nicht nur die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Substanzen, sondern natürlich auch insbesondere die Wirkungen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen im menschlichen Körper. Wer, wenn nicht die Aerzte, müssen im Stande sein, eine unerwünschte Wirkung eines Wirkstoffes (welcher auch immer, kann ja auch ein Gift sein, ein Lebensmittelallergen usw.) im menschlichen Körper zu erkennen, und dann auch zu behandeln?
Aus dieser Warte betrachtet ist die Botschaft zum neuen Heilmittelgesetz, das gerade in der Vernehmlassung ist, reiner Hohn und Spott. Dort steht mehr oder weniger wörtlich, dass es sanitätspolizeilich zu untersagen sei, dass Aerzte Medikamente an Patienten abgeben dürfen. – äh, was? – Haben die Politiker versagt und die Ausbildung der Aerzte an den Universitäten irgendwie versaut? Wenn dem so wäre, dann wäre ganz prinzipiell in der Ausbildung der Akademiker etwas ganz übel schief gelaufen, und die Politiker müssten sich diesbezüglich gehörig an den Ohren nehmen, das ist nämlich ihr Gebiet, sie legen das fest bzw. bewilligen die Studiengänge. Dafür gibt es extra ein Bundesamt!
Inzwischen aber wird locker vom Hocker von diesem Bundesamt, das keine Fehler macht (Bundesamt für Aktivismus und Grubenschlamm = BAG), behauptet, dass in Kantonen, in denen Aerzte Medikamente abgeben dürfen, die Kosten höher sind als in jenen mit Rezeptpflicht. Sie berufen sich dabei auf eine Studie (Dummermuth) aus dem Jahre 1994. Wenn das BAG keine aktuelleren Studien zur Verfügung hat, dann Gnade uns Gott!!
Diese Studie Dummermuth übrigens ist aus verschiedenen anderen Gründen interessant. Sie hat sich nämlich schon mal zwei spezifische Kantone ausgesucht, die so ähnlich wie irgendwie möglich sein sollten, einmal mit Selbstdispensation und einmal ohne, wobei das eben für den Kanton Aargau auch nicht ganz stimmt. Nachher kamen so „gescheite“ Leute wie unser allseitsbeliebter Gesundheitsökonom Willi Oggier, die dann in komplizierten Rechnungsmodellen doch noch furchtbar viele Unterschiede aus den beiden Kantonen herauszumodellieren versuchten, um schliesslich zu beweisen, dass Dummermuth Recht hatte. Z.B.: Wenn man den Anteil Rätoromanen in beiden Kantonen verrechnet… und so Zeugs halt. Dass Dummermuth für die Studie das Jahr 1993 nahm, ist ebenfalls signifikant, denn es ist das letzte Jahr, in dem die Kosten im Kanton Luzern tatsächlich höher waren als im Kanton Aargau. Danach war es bis heute immer umgekehrt (!!).
(Siehe Grafik unten, die ist übrigens von der santésuisse, also von der Dachorganisation der Krankenkassen)
Weil Bundesrat Couchepin unbedingt beweisen wollte, dass seine These von den zu hohen Medikamentenumsätzen der selbstdispensierenden Aerzte (Aerzte mit Praxis-Apotheke oder eben ärztlicher Medikamenten-Abgabe (AMA)) stimmt, hat er eine Studie in Auftrag gegeben, die aus dem Büro des Preisüberwachers geliefert wurde, die Studie Hunkeler: Diese Studie ist besonders interessant zu lesen, weil man da sehr gut zeigen kann, wie man Studien manipulieren muss, um sie so aussehen zu lassen, wie man gerne hätte. Hunkeler nahm 18% der häufigst verschriebenen Medikamente aus dem Kanton Aargau und verglich diese gegen 88% der häufigst verschriebenen Medikamente im Kanton Luzern. Dann rechnete er den AErzten im Kanton Luzern zu diesem Medikamentengewinn noch den Gesamtumsatz der Praxis dazu und bezeichnete dies als Einkommen. Vergessen hat er dabei, die Praxisunkosten abzuziehen. So kommen die Aerzte im Kanton Luzern zu einem wundersamen Einkommen von über 400’000.-. Man fragt sich angesichts solcher Zahlenmodelle, wieso die Döktis überhaupt noch arbeiten; wenn die das richtig anlegen, reicht es immer noch, jeden Tag im Cabrio oder im Ferrari durch die Gegend zu bolzen, statt in der Praxis zu schuften.
Traurig daran ist eben nur, dass unsere lieben Politiker sich auf diese Studien berufen und deshalb die Abschaffung der ärztlichen Medikamenten-Abgabe fordern. Weil Studien aus dem Hause des Preisüberwachers sicher in jedem Fall weniger gefälscht sind als Studien der Aerzte, denn Aerzte sind, wie wir ja alle aus eigener Erfahrung wissen, sehr gut im Fälschen. Sie bemühen sich nicht um wissenschaftlich korrektes Arbeiten, sie bilden sich nicht weiter, sie benutzen von Pharmafirmen und Bundesämtern aufs Gröbste gefälschte Studien, Sie lügen uns Patienten jeden Tag das Blaue vom Himmel, reden uns Krankheiten ein, die wir gar nicht haben, verdonnern uns zu Therapien und Gipsschienen, die wir gar nicht wollen und reden uns die ganze Zeit ein, wie oft wir in die Praxis zu kommen haben. – Oder doch nicht?
Unterstützt werden die Rufer und Aerztehasser durch so prominente Figuren wie Herrn Jordan, den aktuellen Präsidenten der pharmasuisse, also der Apotheker. Herr Jordan ist zwar Walliser, aber trotzdem ein guter Freund von Pascal Couchepin. Zufall? – Herr Jordan findet ja sowieso, dass ein Arzt kein Medikament ohne Apotheker abgeben kann. Deshalb ist ja seit Jahren auf jedem REGA-Flug, in jeder Intensiv-Station, in jedem Operationssaal, neben jedem Anästhesisten und übrigens auch neben jedem Zahnarzt ein Apotheker zugegen, der die korrekte Medikamentenabgabe überwacht (kicherkicher)!
Herr Jordan betont ja immer: Wer berät, verkauft nicht. Wie er das dann erklären will, warum der Apotheker, der auch berät, dann doch verkauft, verschweigt er uns vorläufig (vielleicht hat er sich ja inzwischen eine schlaue Erklärung ausgedacht. Apotheker sind ja viel schlauer als Aerzte, deshalb braucht es sie ja). – Deshalb reden die Apotheker auch lieber vom 4-Augen-Prinzip: 4 Augen sehen mehr als 2, die Kontrolle ist dadurch besser. Das stimmt. Das würde aber bedeuten, dass der Apotheker, der was abgibt (also nach einer Beratung in der Apotheke, nicht auf Rezept), zuerst die Genehmigung vom Hausarzt einholen muss bzw., ganz korrekt argumentiert, darf er nichts verkaufen, sondern der Hausarzt muss das dem Patienten dann geben. Wenn man so rum argumentiert, sieht man schon, wie verquer diese ganze von den Pharmazeuten verzwungene Geschichte daher kommt.
In Tat und Wahrheit ist es ja so, dass der Apotheker am Medikamentenverkauf in jedem Fall mehr verdient. Erstens hat er die von den Politikern warum auch immer höhere Marge zugestanden, zweitens darf er dazu immer noch eine Bearbeitungsgebühr verrechnen, drittens kenne ich keinen Apotheker, der zu den rezeptierten Medikamenten nicht noch irgendetwas Gutes dazu zu verkaufen weiss, ein Teeli, ein Pülverli oder die Hustenpastillen aus hauseigener Produktion…
Ja, auch wir Aerzte verdienen daran, nicht gut zwar, aber immerhin (aktuell beträgt die Marge noch12%, gültig ab April 2010 dann noch weniger, davon muss man die Unkosten für den Betrieb der Apotheke abziehen, also Retouren, abgelaufene Produkte, vergessene Verrechnung, Aufwand für Reinigung, Unterhalt, Inventur, Leistungserfassung, Rechnungs- und Bestellwesen. Bleiben vielleicht noch 5%, wenn man es gut rechnet und gut organisiert, bei mir sicher weniger, da mein Umsatz sowieso nur bei 60 Tausend Franken (pro Jahr) liegt. Jetzt können Sie selber rechnen, was da am Ende des Jahres unter dem Strich bleibt. 3000.-höchstens, das tut mir sicherlich nicht weh, wenn ich keine Medikamente mehr abgeben darf, wegen den 250 Franken monatlich weniger im Portemonnaie werde ich noch nicht in Konkurs gehen. Nur die Patienten werden es bedauern, dass sie Beratung und Medikament nicht gleich in der Praxis bekommen. Der Apotheker wird sich nämlich nicht die Zeit nehmen, zu erklären, wie Sie am besten die Augen-Tropfen nehmen.
Dann gibt es da noch ein paar Fakten und Zahlen. Im Kanton Luzern gibt es aktuell 32 Apotheken. Davon sind mehr als die Hälfte, nämlich 18, in der Stadt Luzern. So viel schon mal zum Thema kundenfreundliche Versorgung.
Aerzte mit Praxisapotheke in freier Wildbahn gibt es rund 400. Wenn man jetzt mal hochgerechnet davon ausgeht, dass diese Aerzte für 250’000 Franken im Jahr Medikamente umsetzen, so ergibt das einen Pharma-Umsatz von genau 100 Mio. Franken. Dürfen die Aerzte keine Medikamente mehr abgeben, fällt dieser Umsatz den Apotheken zu, die so – 100 Mio geteilt durch 32 – je Apotheke 3.125 Mio mehr Umsatz machen, Verteilung selbstverständlich wahrscheinlich ziemlich ungerecht verteilt zwischen Zentrums- und Peripherie-Apotheken, doch das ist ja dann den Apothekern ihr Problem. Warum allerdings der Gewinn aus dem Medikamentenverkauf, der ja pro Arzt aus zwei Gründen (er kriegt nämlich auch nur 5% vom Umsatz, wohingegen der Apotheker 8% vom Umsatz erhält) eh viel geringer ausfällt als pro Apotheker, beim Arzt eine Schweinerei und Abzockerei und eine Gefahr für die Bevölkerung darstellt, beim Apotheker aber nicht, diese Antwort bleiben uns BAG, pharmaswiss und alle anderen AMA-Gegner schuldig. Falls Sie es wissen, bitte informieren Sie mich umgehend per mail oder Kommentar zu diesem Beitrag!!
Zu all dem gesellt sich ein meines Erachtens erheblicher Ueberlegungsfehler der Politiker, welchletztere die Selbstdispensation bzw. ärztliche Medikamentenabgabe kritisieren. Wenn Sie den Hausärzten eine Gate-Keeping-Funktion zutrauen und diesen also eine Beurteilung der notwendigen Massnahmen mit Sparfunktion zumuten und überantworten, so widerspricht es der Annahme, dass dieselben das dann ausgerechnet bei den Medikamenten nicht können. Man könnte ja auch argumentieren, wenn der Hausarzt schon den Türsteher machen muss, so wird er sich darum bemühen, alles möglichst selber in die eigene Tasche zu wirtschaften und selber zu regeln. Die Zahlen sprechen aber – wie ja auch bei der AMA – für sich: Dort, wo Aerzte selber schauen und wirtschaften, ist es immer am billigsten. Da hilft nichts, kein Wischiwaschi, kein Herunterleiern der immer gleichen falschen Zahlen und Studien, kein Wiederholen der Vorurteile. Aerzte arbeiten in der Summe effizient und kostengünstig!
Wenn Sie also auch glauben, dass eine Studie aus dem letzten Jahrhundert als Beweis genügt, dass wir Aerzte erstens immer noch zu teuer und zweitens sowieso untauglich sind, dann sollten sie uns tatsächlich abschaffen. Wenn Sie aber froh sind, dass Sie noch einen richtigen Hausarzt haben, dann sollten Sie ihn pfleglich behandeln, er macht es nicht mehr lange, es ist ein armer Arzt.
Zuletzt: Falls Sie noch nicht genug vom Thema haben, und/oder sich sogar noch weiter informieren wollen: Hier finden Sie auf alle Ihre Fragen eine Antwort: www.apa-dma.ch.


