Praxis Dr. med. Dietmar ThummPraxis Dr. med. Dietmar Thumm VZA Vereinigung Zentralschweizer Augenärzte
 
 

Der neue Arzt-Tarif und die Medien

Seit Monaten, ja Jahren kommunizieren wir Ärzte, dass mit dem geplanten neuen Arzttarif nicht alles stimmt. Er soll zwar betriebswirtschaftlich gerechnet sein, ist es aber eben nicht.

In den Medien ist dies alles ganz anders dargestellt worden, dort sind wir noch immer die grossen Abzocker, die unanständig verdienen, besonders angeblich die Spezialärzte.

Nun denn, Tatsache ist:

  • dass es die FMH, also die Vereinigung der Ärzte war, die 1987 (!) per Ärztekammerbeschluss zusammen mit der Medizinal-Tarif-Kommission einen neuen Tarif aufbauen wollte und dies auch in umfassender Manier vorgenommen hat
  • dass erst die Einführung des neuen KVG dazu geführt hat, dass aus politischen Gründen dieser Tarif auch auf das gesamte Gesundheitswesen angewendet werden sollte, und das «kostenneutral», was soviel bedeutet wie «keine Teuerung ausgelöst durch diesen Tarif». Dies aber widerspricht dem Prinzip der Betriebswirtschaftlichkeit: Entweder ist der Tarif betriebswirtschaftlich oder kostenneutral, aber beides geht nicht.
  • dass die ursprüngliche Idee eines gesamtschweizerisch gemeinsamen Tarifes durch politische Ränkespiele und der offenbar nicht aufzugeben kantonalen Hoheit über das Gesundheitswesen den Bach runter geht, und nicht etwa wegen den Ärzten!
  • dass wir Ärzte seit 10 Jahren keinen Teuerungsausgleich mehr erhalten haben, (in dieser Zeit ist der Landeskostenindex um über 15 Prozentpunkte gestiegen.)
  • dass wir aber für Personal, Miete und alle anderen Unkosten voll die gestiegenen Kosten übernehmen müssen
  • dass dies eine reale Lohneinbusse aller Ärzte von mindestens 15 Prozent, spezifische Teuerungen gerade im Medizinischen Sektor (Geräte, EDV mit einer Abschreibungszeit von nur noch 3 Jahren!) noch nicht mitgerechnet, bedeutet
  • dass wir vor Jahren schon angekündigt haben, dass wir uns nicht mehr alles bieten lassen und vor allem auch darum kämpfen, dass keine Billigmedizin durch die Hintertür eingeführt wird, um unsere Patienten zu schützen
  • dass unser Kampf gegen dieses Tarifgeschwür nun wieder als Selbstschutz vor Lohneinbussen (die wir ja schon haben, siehe oben) interpretiert wird
  • dass sich interessanterweise die gleiche Presse aber stark macht für das arme Pflegepersonal und die armen Assistenzärzte mit unwürdigen Arbeitsbedingungen und zu niedrigen Löhnen,
  • dass aber die Spitalkosten 54% der Gesamtkosten im Gesundheitswesen verschlingen, die ambulante Medizin, also die Freipraktizierenden Ärzte lediglich etwa 19% der Kosten verursachen
  • dass ich persönlich nach Abzug aller Unkosten weniger verdiene als ein Gymnasiallehrer, dabei ein tägliches Arbeitspensum von 11 – 12 Stunden bewältige bei gerade mal 4 Wochen Ferien, Präsenz- und Notfalldienste und all das Ganze drumrum noch nicht gerechnet, und dabei noch 80 Stunden (das sind zwei volle Wochen!) pro Jahr Fortbildung nachweisen muss
  • und dass dabei, was am meisten frustrierend ist, mein Einkommen deutlich unter dem liegt, welches von der FMH (unsere oberste Standesbehörde) als Durchschnitts-einkommen angegeben wird (nämlich ca. 330‘000.– Franken, und das ist ungefähr doppelt so viel, als ich versteure)*

Tatsache ist auch

  • dass wir Augenärzte unter dem neuen Tarif z.B. die ambulante Grau-Star-Operation kaum mehr anbieten können, da wir pro Operation bis zu 1000.– Fr. aus dem eigenen Sack draufzahlen müssen
  • dass wir also nach wie vor auf spezielle Verträge mit den Krankenkassen angewiesen sind
  • dass unter dem neuen Tarifsystem mit einem katastrophalen Zusammenbruch des Leistungssystems im Gesundheitswesen gerechnet werden muss
  • dass das Desaster programmiert ist, niemand aber die Rufer in der Wüste hören will, weil man den Ärzten ja sowieso nicht mehr glauben kann...

*) es stellt sich ohnehin die Frage, wie die FMH auf diese Zahlen kommt. Offiziell ist es das Durchschnittseinkommen bei der FMH aus 292 Augenärzten berechnet, es gibt aber über 450 Augenärzte in der freien Praxis in der Schweiz. Wahrscheinlich sind nur die chirurgisch Tätigen in der Statistik, und schon ist sie völlig falsch!

Im November 2003      © Dr. D. Thumm