Praxis Dr. med. Dietmar ThummPraxis Dr. med. Dietmar Thumm VZA Vereinigung Zentralschweizer Augenärzte
 
 

Gesundheits-Politik 2004

Was kommt auf Sie als Patient zu?

Die Zukunft ist äusserst ungewiss, dennoch möchte ich Sie jetzt schon auf Verschiedenes aufmerksam machen, mit dem Sie sich beschäftigen müssen. Am Ende der Lektüre werden Sie feststellen, dass die Gesundheitspolitik in der Schweiz völlig am Bedürfnis des Patienten vorbeigeht. Dies ist aber nicht das Problem der Aerzte: Diese machen schon lange darauf aufmerksam, dass die Patienten die Leidtragenden dieser Politik sind, aber den Aerzten glaubt ja niemand (sind sowieso alles Abzocker).

1. 

Aufhebung des Kontrahierungszwanges:

Sollten sich die Räte zu diesem Schritt entschliessen, bedeutet dies Folgendes: Es kann sein, dass Ihr Hausarzt nicht mehr über die Krankenkasse abrechnen kann, bei der Sie versichert sind, da die Kasse ihn ausgeschlossen hat. Sie haben dann die Möglichkeit, eine Kasse zu suchen, die diesen Arzt noch unterstützt, oder den Arzt zu wechseln (zu einem, dessen Rechnungen von der Kasse noch bezahlt werden) oder die Kasse einzuklagen, dass Sie bei diesem Arzt bleiben wollen und die Rechnungen zu bezahlen sind, da Sie der Meinung sind, diese seien nicht überhöht. - Sie können auch zu einer Patientenorganisation gehen und versuchen, dass diese Ihnen bei der Sache hilft. – Dies gilt dann auch für mich als Augenarzt: Es ist möglich, dass meine Rechnungen von gewissen Kassen nicht mehr bezahlt werden. Für eine Kostenübernahme zu kämpfen bleibt dann leider an Ihnen hängen!

2. 

TarMed:

Auf 1.1.2004 wird der vieldiskutierte neue Arzt-Tarif (ein gesamtschweizerischer Tarif, allerdings mit unterschiedlichen Taxpunkt-Preisen, je nach Kanton) eingeführt. Dieser Tarif ist wirklich so schlecht, wie er von den Aerzten gemacht wird. Und zwar nicht, weil wir Aerzte zu wenig verdienen werden (im Gegenteil, die Preise werden zunächst steigen!!), sondern weil er Sie als Patient völlig durchsichtig macht, der Datenschutz in keiner Weise mehr gewährleistet ist und der dem Tarif hinterlegte Zeitrhythmus unser Gesundheitswesen zerstören wird. Es ist mit einer massiven Qualitätseinbusse zu rechnen, nicht sofort, aber in Salamitaktik wird es für den gleichen Preis immer weniger Leistung geben.

Ausserdem haben die Krankenkasse schon jetzt signalisiert, dass sie bei Einführung des neuen Tarifes mit der Kontrolle der Rechnungen anfänglich überfordert sein werden, zumal die meisten Kassen zunächst alle Pendenzen nach altem Tarif abbauen werden. Dies bedeutet, dass Sie als Patient unter Umständen mehrere Monate auf das Ihnen zustehende Geld warten müssen!! – Uebrigens: Allein die Helsana stellt für die Abrechnung und Kontrolle unter Tarmed mehrer hundert neue Mitarbeiter ein. Es würde mich ja schon mal interessieren, wo denn da nun der Spareffekt liegen soll!!?

3. 

Rationierung:

Da wären wir schon beim Thema. Soll im Gesundheitswesen weiter gespart werden, geht das nur noch mit Rationierung, d.h. es ist nicht mehr alles einfach so erhältlich. In der Grundversicherung wird der Leistungskatalog auf jeden Fall zusammengestrichen werden, was auch zu einer deutlichen Verstärkung der Zwei-Klassen-Medizin führen wird (d.h. wenn Sie das Geld haben, kriegen Sie alles, aber in der Allgemeinversicherung sind Sie im einen oder anderen Fall aufgeschmissen oder ausgesteuert). Wir Aerzte werden gezwungen sein, im Prinzip erhältliche Leistungen den Patienten vorenthalten zu müssen. – Auf gewissen Gebieten ist dies bereits jetzt schon Tatsache

4. 

Augenärzte:

Die Augenärzte, welche bekanntlich für den Durchblick zuständig sind, sind grossmehrheitlich nicht mehr gewillt, dieses Chaos, das die Politiker und die grossen Versicherer anrichten, mitzutragen. Wie 1911 bei der Einführung des alten Krankenversicherungsgesetzes die Zahnärzte ausgestiegen sind, werden die Augenärzte ein Ausstiegs-Szenario entwickeln. Möglicherweise wird dies bereits auf Ende 2004 geschehen.

Was bedeutet das für Sie als Patient? Sie werden keine höhere Rechnung als bisher erhalten. Aber die Krankenkasse wird diese Rechnung nur noch bezahlen, wenn Sie es will, in den allermeisten Fällen jedoch nicht mehr. Medikamente werden nur bezahlt, wenn Sie diese über einen Vertrauensarzt beziehen, der von der Kasse anerkannt ist. Bei einer umfangreichen Behandlung müssen Sie wahrscheinlich einen Kostenvoranschlag verlangen und diesen bei der Krankenkasse einreichen. Es wird Augenärzte geben, und natürlich die Kliniken in den öffentlichen Spitälern, welche gezwungen sind, im bisherigen System weiterzuarbeiten. Sie können im Falle grösserer Schwierigkeiten mit der Krankenkasse oder wenn es Ihnen nicht möglich ist, wie beim Zahnarzt Ihre Augenarztrechnung selber zu berappen, zu einem solchen Arzt oder in die Klinik wechseln. Dass unter den gegebenen Umständen natürlich dort die Betreuung um einiges anders sein wird (noch längere Wartezeiten, keine Zeit für Erklärungen und Aufklärung etc.), versteht sich von selber. Ihr bisheriger Augenarzt wird sich aber unter diesen Umständen dafür umsomehr wieder Zeit nehmen können. Der bisherige und zunehmende administrative Aufwand für Arzt und Patient wird kleiner werden. – Und zumindest wir Augenärzte können nicht mehr verantwortlich gemacht werden für das Debakel im Gesundheitswesen, welches nur immer schlimmer werden wird.

5. 

Politiker:

Das Schlimmste am Schluss. Eine kürzlich bei 180 Politikern (quer durch alle Parteien und Gremien) durchgeführte Untersuchung förderte zutage, dass von all dem, was da zu entscheiden ist, von all den komplexen Zusammenhängen im Gesundheitswesen nur 30 bis maximal 40% wirklich etwas verstehen. Die meisten haben ein falsches Wissen oder schlimmstenfalls sogar gar keine Ahnung!! – Vielleicht sollten wir als Patienten bei den nächsten Wahlen auch solche Sachen berücksichtigen.

Im September 2003      © Dr. D. Thumm